Sonja unter Bauern in St.Vit – ein investigativer Perspektivenwechsel

Ich glaube fest daran, dass sowohl wir Grüne als auch die örtlichen Landwirte nur das Beste für Mensch, Tier und Umwelt möchten. Kein Bauer würde doch wissentlich seinen Tieren oder seinem Land schaden, weil es doch sein wertvollstes Kapital ist.

Daher habe ich nie den Hass einiger Bauern verstanden, der mir entgegen geschlagen ist. Allein aus der Tatsache heraus, dass ich Grüne Politikerin bin-ohne dass sie mich persönlich kennen. Ich bin in der Bauernschaft Lippentrup in Langenberg aufgewachsen und als Kind habe ich auf Heuboden benachbarter Höfe getobt und bin durch Kuh- und Schweineställe gelaufen. Der Geruch von Gülle gehört für mich zum Landleben dazu wie frisch gemähter Rasen im Sommer.

Nachdenklich gemacht haben mich die emotions- und aggressionsgeladenen Demonstrationen in den letzten Monaten vor dem Schlachthof Tönnies in Rheda. Da haben Tier-Rechtler, die die vegane Ernährungsweise als die einzig richtige darstellen vor den Toren gestanden, genauso wie Landwirte, die um ihre Existenz fürchten.

Als Grüne Politikerin weiß ich oft gar nicht wie mir geschieht, werde abwechselnd von beiden Seiten angegangenen. Manchmal von Bauern, die meinen ich würde den Konsum vom Fleisch verteufeln und manchmal von Tierrechtlern, wenn ich zugebe, dass ich ab und zu doch noch gern etwas Wurst esse.

Gleich vorweg: Jeder darf und muss selbst entscheiden, ob und wieviel Fleisch er aus welcher Produktion isst. Wichtig finde ich, dass die Verbraucher sich informieren über Haltungs- und Schlachtbedingungen und sich auch bewusstwerden, welchen Einfluss der maßlose Konsum von Fleisch auf den Klimawandel hat und dass man oft nicht nachvollziehen kann, wie die Tiere gehalten werden.

Letztlich hat mich das dazu gebracht, dass ich fast gar kein Fleisch mehr esse.

Im Herbst 2019 hatte Christoph Sandhäger in St.Vit die Idee, Schweine auf Stroh im Freiluftstall zu halten und selbst zu vermarkten. Kurz darauf habe ich ihn kennengelernt. Weil ich Milch, Eier, Brathähnchen und mehr auf dem Hof Engemann in St.Vit hole und dort eine Liste zur Bestellung auslag.

Ich bin gern bereit, mehr zu zahlen, wenn ich weiß, dass es einem Tier gut ging in der Haltung und besonders, wenn ich auch weiß, dass ein Bauer aus der eigenen Stadt einen ordentlichen Lohn für seine Arbeit bekommt.

So sind wir oft und lange ins Gespräch gekommen, immer dann, wenn ich mich auf den Weg nach St. Vit gemacht habe, um etwas von Sandhägers Strohschweinen zu kaufen.

Bald war die Idee geboren, dass wir uns in einem kleinen Kreis mit jungen Bauern und einem Politiker aus Berlin zusammensetzen, um auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen. Nachdem uns die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, war es nun so weit.

Ich durfte in den Stall gehen und das erste, was ich beim Anblick der vielen Dutzend Ferkel und den Sauen, die im Kastenstand zum Säugen waren, dachte war, dass ich es mir „schlimmer“ vorgestellt hatte.

Im über 2 Stunden dauerndem Austausch von Friedrich Ostendorff MdB und den Landwirten habe ich viel zugehört.

Ich bin keine Fachfrau und so habe ich sehr viel gelernt. Viele Aussagen, über die ich noch einige Zeit nachdenken werde…

*Es kann nicht darum gehen, dass jeder Hof nun auf Bio umstellt, sondern die konventionelle Landwirtschaft wird immer einen festen Platz behalten.

*Wichtig ist, dass unsere Bauern uns mit guten Lebensmitteln versorgen. Das ist immer besser als Lebensmittel aus dem Ausland zu importieren, wo die gesetzlichen Standards mitunter schlechter sind.

*Die jungen Landwirte haben oft viel Geld investiert, um neue Ställe zu bauen und brauchen Planungssicherheit und Rechtssicherheit. Sie brauchen bei gesetzlichen Änderungen eher längere als kürzere Übergangsfristen.

*Ein junger Landwirt sagte, dass er am liebsten ohne Subventionen wirtschaften möchte, weil er sich dafür oft rechtfertigen müsse.

*Auf dem Hof Sandhäger überleben nahezu alle Ferkel, und das ohne Medikamente.

*Die Sauen hatten allesamt ihr Schwänze.

*Ein Schwein, das durch die industrielle Schlachtung verarbeitet wird, wird zu 99% verwertet, während bei einem für die Direktvermarktung geschlachtetem Schwein viel mehr Abfall entsteht, der entsorgt werden muss.

*Ein Umdenken auf den weitestgehenden Verzicht von Glyphosat hat schon stattgefunden, aber der komplette Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ist nicht praktikabel.

*Der gesellschaftliche Druck auf die Bauern ist momentan hoch und sie wünschen sich mehr Anerkennung.

Es ist auch der gesellschaftliche Wandel, der nun die Verbraucher dazu bringt, ihre Ernährung und den Konsum von Fleisch zu überdenken.

Ich wünsche mir, dass es politische Lösungen gibt, wie z.B. die der Borchert-Kommission. Jeder sollte bereit sein, einen fairen Preis zu zahlen für qualitativ gutes Fleisch aus der Region, aber die Landwirte benötigen zum Umbau der Nutztierhaltung für unsere Unterstützung.

Ich bin „nur“ Kommunalpolitikerin und kann keine Gesetze auf Landes-, Bundes- oder Europaebene mit beeinflussen, aber zumindest kann und werde ich in den Dialog treten und jeder junge Bauer, der in diesen Zeiten den Hof seiner Eltern übernimmt, hat meinen höchsten Respekt. Wo immer es geht, werde ich meine Erkenntnisse an meine politischen Kollegen auf Landes-, Bundes-, und Europaebene weitergeben.

Für mich persönlich gehen regionale Lebensmittel aus der Direktvermarktung noch vor Bio-Lebensmitteln. Und daher werde ich auch weiterhin, wenn auch eingeschränkt Fleisch essen.

Den Dialog möchte ich weiterführen und habe mich sehr gefreut, dass die Landwirte ausdrücklich jeden Interessierten einladen, in ihre Ställe zu schauen. Und angekündigt haben, auch einmal eine unserer Grünen Ortsverbandssitzungen zu besuchen.

Für heute bleibt mir „Vielen Dank“ zu sagen für die Ehrlichkeit und die Gespräche auf Augenhöhe.

Klasse, dass wir hier vor Ort solche engagierten Landwirte haben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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